Wassersportverein Godesberg 1909/11 e.V.
Wassersportverein Godesberg 1909/11 e.V.

Grünes Band – Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang den Rhein rauf und runter            

Nach qualvollen 14 Stunden krabbelte ich völlig erschöpft aus dem Boot. Noch nie war unsere Pritsche so erlösend. Der psychische und physische Stress fiel von mir ab, als mich vier Heilsbringer in Empfang nahmen und sich um mich und das Boot kümmerten. Ich war frei, frei von den Qualen, den Schmerzen, frei von Verantwortung, mich und das Boot sicher und schnell durch den Rhein zu manövrieren. Ein dauerhaftes Abwägen: „Wie mache ich mir die Strömung, die Elemente, größtmöglich zu Nutze, wie vermeide ich deren negative Effekte?“, „Was machen die Bergfahrer, was die Talfahrer?“, „Wo ist die nächste Backbord-, oder Steuerbord Tonne?“, „Wo steht der Brückenfeiler?“, „Wie verläuft das Ufer?“

Am Abend zuvor noch spät auf dem Wasser gewesen, scherzte ich, ob ich nicht am morgigen freien Tag spontan in Käpt‘n Blaubär „ein längere Tour“ in Angriff nehmen könnte. Nun, eigentlich war‘s da schon entschieden. So fand ich mich schon wenige Stunden später gegen 5 Uhr wieder am Verein ein und belud den kleinen blauen Flitzer mit Fressalien und 6 Liter Flüssigkeit, wohl wissend, dass ich in Neuwied zwei Mal nachtanken könnte.

5.20 Uhr: „Mannschaft bereit zum Abstoßen. Mannschaft stößt ab!“

Wenn man sich auf eine lange Tour im Kopf einstellt, ist man mir nichts, dir nichts oben an der Südspitze. Die erste Pause wird aber erst am Oberwinter Hafen gemacht. Dort lege ich das Boot in das tote Wasser und treibe bloß wegen des starken Südwindes ein wenig stromab. Zu dieser morgendlichen Stund´ fließt der Rhein wohlwollend vor sich hin. Keine Schiffe. Die Ruhe wird nur von der einsetzenden Blechlawine auf der B9 gestört. „Morgenstund hat Gold im Mund!“ Das Unkeler Loch meint es gut mit mir. Sanft ziehe ich auf den Gleithang. „Ab jetzt kennst du nicht mehr jeden Stein am Ufer“ – häufigeres Umschauen wird unumgänglich. Bei dem hohen Wasserstand liegen Sandbänke und Kribben sehr ungünstig im Wasser. Drüberfahren geht leider nicht. Eine gute Linie ist schwer auszumachen. „Mann – vor einer Woche wäre ich hier noch easy drüber gekommen! In der Strömung willste ja auch nicht hochrudern, crashen noch viel weniger. Und dann noch der Bewuchs, in dem man immer wieder mit den Skulls hängen bleibt.“

Ein Frachtschiff lichtet gerade seinen Anker und startet mit einem Gurgeln seinen Motor. Es hatte die Nacht zwischen Unkel und Erpel verbracht und fährt weiter stromauf. Ich überhole es zwar noch, bis es aufdreht, den Rhein bepflügt und locker an mir vorbei fährt. Konsequenz: Wellen, Wellen, als ich kurz hinter den Brückenpfeilern der ehemaligen Remagener Brücke den Rhein kreuze.

Nach Sinzig geht’s auf die lange Gerade. Zwischendurch hänge ich dermaßen im Zug, dass ich nur sehr mühsam vorwärts komme und mich weitere Bergfahrer kurz hinter den Anlegern vom ehemaligen Rentnerkaffeklatschörtchen, Bad Breisig, kassieren. Ich wollt mich eigentlich in das tote Wasser vom Brohl-Lützinger Hafen retten, aber ehe ich gegen die Schraube und den einsetzenden Sog ankämpfe und mir das Wasser unterm Kiel weggezogen wird, muss ich kurzerhand hier die Pause einlegen. Kein geeigneter Ort. Ich kämpfe mit Ciabatta im Mund den Blaubär gegen die Wellen, Querströmungen und ekelhaftem Südwind einigermaßen an Position zu halten. Kaum möglich. „Mann ey…!“ Es wird noch weiter geflucht. Passanten schauen mich gelangweilt an. Ich stehe unter Strom. Als die Wellen was abziehen, rette ich mich in die Hafeneinfahrt. Schlag um Schlag, Meter für Meter. „So zäh!“ Sinne und Aufmerksamkeit sammeln. „Runter kommen.“

Jetzt wird gekreuzt und das Hammersteiner Werth wartet schon erklommen zu werden. Eine Insel, die wie Grafenwerth an ihrer Südspitze mit dem Ufer verbunden ist, also nur Außen umschifft werden kann. Zuvor warteten dreimal so lange Kribben wie wir sonst gewohnt sind. Sie werden überströmt, aber wie viel? Es ist nicht auszumachen. Sicherheitsroute. „Mann, was für ein Umweg!“ Ich hänge mitten im Strom. Der nächste Bergfahrer kommt näher und näher. „Der darf jetzt unter keinen Umständen vorbei kommen bevor ich nicht um diese vermaledeite Insel ´rum bin.“

Um 11.10 Uhr, knappe sechs Stunden nach dem Start bin ich endlich in Neuwied angekommen. Ich suche nach einem Wasserhahn. Keiner vom Verein da. Ich schleppe mich zum Kindergarten und bitte eine nette Erzieherin, mir meinen Wasservorrat aufzufüllen und reiche ihr zwei Flaschen über den Zaun. Die Kinder schauen mich verdutzt an. Erste Wunden werden bearbeitet. „Gut, dass ich doch noch neulich diese megateuren Blasenpflaster bei DM gekauft hatte.“ Meine Ferse ist schon sehr mitgenommen und trumpft nicht wie meine Hände mit Schwielen auf. Das ist eine Wohltat. Hätte ich gewusst, was jetzt folgt, ich hätte entspannt umgedreht.

Der Nebenarm des Weißenthurmer Werth, ist alles andere als mit unserem Nebenarm an der Insel Nonnenwerth zu vergleichen. Der Rhein strömt dort kräftig durch. Ich wechsle die Seite vor der Boje. „Die wurde uns doch damals im Vierer auf der Rückfahrt fast zum Verhängnis.“ Ich höre ihr bedrohliches Rauschen. Die andere Seite in diesem Inselabschnitt bringt keine Erleichterung. Zwar sind hier kurze Kribben, sodass ich das tote Wasser, bzw. die Neerströmung zu Nutze machen kann, an den Kribbenköpfen lauern aber jeweils so starke Strömungen wie unser Schnorres an der Südspitze. Statt wieder an die Neuwieder Seite zurückzukehren, kreuze ich an der Südspitze des Weißenthurmer Werth den Rhein auf die Seite zum AKW Mülheim-Kärlich. Es dauert nicht lange, bis ich realisiere, dass das ein Fehler war. Ich hänge im Prallhang komplett in der Strömung. Talfahrer und Bergfahrer werfen Wellen und reißen an meiner Nussschale. Ich bin am Fluchen und schreie einige Minuten laut vor mich hin. Ein erneutes Kreuzen ist nicht möglich. So quäle ich mich bis zur Urmitzer Eisenbahnbrücke und lasse viele, viele Körner liegen. „Bei dem Wasserstand hätte ich doch sogar im Arm vom Urmitzer Werth rudern können? – Warum habe ich nicht vorher nochmal genau recherchiert?!“

Nun warten erneut Kribben, die so überspült sind, dass sie nur am Kopf passierbar sind. Da jedoch das Wasser auf deren gesamter Länge (auch hier dreimal so lang, wie die unserer Hausstrecke) drüber fließt, hänge ich – egal wo – in starker Strömung. Ich sehe Menschen, die grillen und baden. Sie heben kurz den Kopf. Ich bin eine Randnotiz wert. Ich unterquere die A48. Es folgen die Inseln Graswerth und Niederwerth bei Vallendar, in deren Nebenarme ich aber nicht einfahre. Ich bleibe innen im Hauptstrom. „Ich will doch bis zum Kaiser Wilhelm I., da macht diese Route nur Sinn.“ Mit betendem Unterton frage ich einen Passanten, wie viele Kilometer es noch bis zum Deutschen Eck sind. „Zwei-drei“ bekomme ich zu hören. Wir quatschen kurz. Er kann die Sinnhaftigkeit meiner Aktion nicht fassen, nicht nachvollziehen – ich auch nicht mehr, fühlt aber mit mir und wünscht mir noch viel Kraft. Leidend und mit schmerzverzerrtem Gesicht rudere ich an Kindern vorbei, die mit ihren Eltern im seichten Wasser planschen. Sobald sie mich bemerken, hält ein jeder inne und schaut mir nach bis ich aus deren Blick entschwinde. Die Kinder merken, dass der ihnen gebotene Anblick in kein Schema passt. Sie heben vorsichtig die Hand und rufen mir ein vorsichtiges „Hallo“ zu. Ich quäle mich zu einem emotions- und kraftlosen „Hallo“.

Genau als ich auf das Eck zu fahre, dreht ein Talfahrer noch in die Mosel ein und stellt sich dort quer. Ich muss warten und fahre in die Mosel etwas hinein, um dem Rheinstrom zu entgehen und nach neun Stunden Plackerei um 14.05 Uhr das Beweisfoto schießen zu können. Es liegt kein Ehrgefühl, kein „Yes, you did it!“ in der Luft. Es geht direkt wieder ins Rheinwasser, um mich kräfteschonend ´gen Bad Godesberg treiben zu lassen. Ich weiß, was folgt: eine lange Heimreise auf Deutschlands größter Wasserautobahn. Eine lange Pause geht nicht. Eine dicke Jacht, gefolgt von einem schnellen Frachter, sorgt für extremen Wellengang. „Das wird unentspannt.“

Eineinhalb Stunden später bin ich wieder in Neuwied. Eine vierköpfige Omagesellschaft hält ihre verbrannten Schienbeine, auf der Pritsche sitzend, in den Rhein. Ich lege an. „Boah – das tut gut, das Stehen.“ Ich ziehe mir eine andere Unterhose und Socken an: andere Druck- und Reibungspunkte. Die Innenseiten meiner Oberschenkel sind total aufgescheuert. Ich lasse mir dieses Mal im Restaurant im Neuwieder Ruderclub mein Wasser auffüllen. Da kein Zeitdruck besteht, mache ich immer dort, wo es problemlos geht, Pause und lasse mich von der Strömung und dem gottseidank noch anhaltenden Südwind nach Hause treiben und wehen. Ständiges Umschauen bleibt aber nicht aus. Um 16 Uhr hatte ich in Neuwied abgelegt und erreiche um kurz nach sieben unsere Pritsche. 

Das Grüne Band ist eine ultimative Herausforderung – im Einer wie im Mannschaftsboot. Man lernt sich und seine Teamkameraden bei so einer brutalen Sache bis ins Mark kennen. Wenn gesellschaftliche Konventionen erst einmal über Bord gegangen sind, ist es völlig normal, wenn der Vordermann zu weinen beginnt oder sich eine Flasche zwischen die Beine hält, um auszutreten, Flatulenzen Flatulenzen sein zu lassen, aufzustoßen, zu jammern, zu stöhnen, den anderen anzumeckern, um dann wieder gemeinsam als Einheit zu arbeiten. Es ist ein Abnutzungskampf auf allen Ebenen, mit Abnutzungserscheinungen in allem was einem lieb und teuer ist. Das Unmögliche, möglich zu machen. Der Kampf gegen die Schmerzen, diese mit eisernem Willen zu verdrängen. Eine von einem selbst nicht für möglich gehaltene Zähigkeit aufzubieten. Die Willenskraft aufrecht zu erhalten. Das ist das Grüne Band.

Ich kann jedem empfehlen so eine Tour einmal auf sich zu nehmen. Es muss ja nicht gleich ein neuer Rekord eingefahren werden, es muss ja nicht gleich der Einer sein. Mich würde es sehr freuen, wenn sich wieder mehr Mitglieder unseres Vereins dem Grünen Band stellen und diese Disziplin in unserem WSVG wieder aufleben lassen. Es gilt, die längste Tagesfahrt einer Saison mit Start und Ziel WSVG-Pritsche einzufahren. In den vergangenen Jahren werden wir in den verschiedenen Bootskategorien wohl viele unbemerkte „Grüne Band-Sieger“ gehabt haben.

Lukas vom Kolke

 

 

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